DAKRYON

Der umtriebige Bassist und Komponist Barry Guy hat schon mehrere Male mit der Barock-Violinistin Maya Homburger in dieser Art zusammen gearbeitet: unter dem selbstgewählten Kürzel “musical stretching” geht es um den reizvollen Kontrast, der sich durch die Gegenüberstellung von Barockmusik, zeitgenössischer Musik und Improvisation ergibt. Erstaunlich wie gut das funktioniert und wie viele Parallelen sich zwischen den Tonsprachen des 17. (hier vertreten durch H.I.F.Biber und Dario Castello) und des angehenden 21. Jahrhunderts auftun. Für “Dakryon” hat sich das Duo als dritten Dialogpartner noch den Meister der perkussiven Klangfarben, Pierre Favre ins Boot geholt, was für zusätzliche Spannungsmomente sorgt.

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…..  Die Musik der beiden ist in Jahren gewachsen. Sie führt ihre Elemente zusammen, und es war schon auf ihrer ECM-Platte “Ceremony” verblüffend, in welch neue Klangräume das mündete. Sehr alte und sehr neue Musik, Festgeschriebenes und Improvisation, ungewohnte Instrumentierung, konträre und doch bei genauem Hinsehen  gar nicht so entfernte Spielweisen verbinden sich in dieser sehr klaren, transparenten Musik zu Meditationen von irisierender Schönheit. Aus den Polen schmilzt etwas tatsächlich Neues, das rätselhaft bleibt, aber alles andere als hermetisch ist……..

……. In der Summe ist das eine faszinierend neue Musik, die zeigt woher sie kommt, Barockperlen von Biber und Castello wechseln mit Stücken Favres und Guys. Die Solo-, Duo- und Triostücke dieser randvollen CD demonstrieren nachdrücklich höchste spielerische Brillianz und Emotionalität an der Schnittstelle von Disziplin und  Freiheit.

Ulrich Steinmetzger , Jazzpodium 9/05

 …....Barry Guy’s collaborations with Baroque violinist Maya Homburger are no less daring. They create a conduit through which music from the 17th century and earlier can mingle effortlessly with contemporary music that privileges improvisation. “Dakryon” has much of the hallowed ambiance of Homburger and Guy’s “Ceremony” (ECM, 1997) which is largely attributable to an ongoing focus on the works of H.I.F.Biber and the reassessment of older, somber Guy compositions like “Inachis” and “Peace Piece”. It’s an atmosphere that remains unperturbed by Pierre Favre’s robust contributions to the early hymn “Veni Creator Spiritus”. Even when Guy and Favre improvise as a duo on “Peace Piece”, they maintain a reverential tone that segues smoothly into Homburger’s breath-taking first phrases of Biber’s  “Mystery Sonata X”.

Bill Shoemaker , Downbeat November 2005

…..Guy has, of course, been one of the formative figures in  British free improvising, and he carries the spirit and skills of that accumulated experience into more formally organized music. As his creative partner, Homburger has developed her listening and intuitive responses to an acute degree. The affinity of their instrumental voices is profound. Introducing a third party into such a finely balanced musical relationship involves self evident risk, yet the presence of percussionist Pierre Favre on three collaborative tracks, and as soloist on the closing “Ember”, is an unequivocal success. His duet with the bassist on “Peace Piece” is wonderfully subtle in its coloration and communicative shading. Overall “Dakryon” modulates between serene poise and volatility, an appealingly broad programme drawing depth and substance from musicianship of a rare caliber.

Julian Cowley,  The WIRE,  August 2005

Auf dem zweiten Album für Barockvioline und Kontrabass, das an die ECM-New-Series-Duo-CD “Ceremony” anknüpft, hier aber noch mit dem ebenfalls wunderbar inspiriert agierenden Pierre Favre als Gast, werden Barockmusik (H.I.F.Biber), zeitgenössische Musik und freie Improvisation so dicht, überzeugend und empathisch miteinander in Korrelation gebracht, dass eine neue Art faszinierend vitales musikalisches Gesamtkunstwerk entsteht. Phänomenal!

 Johannes Anders

For the last four decades, British bassist Barry Guy has continually charted a personal path in advanced improvisational settings. His endeavors range from free contexts to arranged ensembles; from solo work to orchestra; from long-term groups to ad hoc meetings; from Baroque music to electro-acoustic experiments. Through it all, his balance of formal structures and dynamic improvisation is always at play. These two recent releases are further proof of his mastery…..


………Mixing Baroque composition and contemporary improvisation on a single CD could easily end up as a contrived, overly-precious disaster. This is, of course, unless the musicians at the helm are Barry Guy and Maya Homburger. Guy is one of the rare musicians who is equally comfortable in both worlds having balanced four decades of improvisation with professional performances of Baroque music including a stint in Christopher Hogwood's Academy of Ancient Music. As a preeminent performer on Baroque violin, Homburger brings a deep-seated understanding of that vocabulary into the world of improvisation. For several of the pieces, percussionist Pierre Favre is added to expand the sonic palette. Guy’s compositional sense comes through even in this intimate setting. The program mixes pieces by 17th century composers H.I.F. Biber and Dario Castello with improvisational forms by Guy with an introductory improvisation based on the Roman Catholic hymn “Veni Creator Spiritus.” Biber’s “Passacaglia” for solo violin and his “Crusifixion, Mystery Sonata X” along with Castello’s “Sonata Seconda”, both for violin and bass, are performed with a stately grace. The two players invest the pieces with a natural freedom that resonates with Guy’s pieces. On “Inachis,” Homburger plays composed parts against Guy’s improvisations, and here the structural abstractions of Guy’s form bristle with spiraling momentum. The 19 minute title piece adds pre-recorded electronics as well as Favre’s percussion. Here, Guy’s orchestration intermixes soaring composed themes, interludes of free bass and percussion interplay and lush taped soundscapes to create a piece full of knotty layers and evolving juxtapositions. “Peace Piece” pairs Guy with Favre, starting out with an extended extrapolation of the theme by Guy and then slowly weaving in percussion colorations. At 75 minutes long, this is a demanding listen, but the individual components show Guy’s breadth in creating forms for collective collaboration.

Michael Rosenstein

Ein Bass-Virtuose, der aus der Free-Jazz-Szene seit den sechziger Jahren bekannt ist und sich auch als Autor von zeitgenössischer E-Musik einen Namen gemacht hat – und eine Barock-Violinistin, die unter anderem in den Ensembles von John Eliot Gardiner und Trevor Pinnock gespielt hat sowie eigene Gruppen leitet und als Solistin renommiert ist: Der Engländer Barry Guy und die Schweizerin Maya Homburger geben seit Jahren zusammen Konzerte und haben bereits 1999 ein gemeinsames Album veröffentlicht ("Ceremony", ECM 1643). Jetzt ist wieder eine CD dieses ungewöhnlichen Duos erschienen, das hier für einige Stücke durch den Schweizer Schlagzeuger Pierre Favre erweitert wurde. "Dakryon", altgriechisch für "Träne", heißt die CD, die auf faszinierend stimmige und feinfühlige Weise unterschiedliche Genres ineinander aufgehen lässt. Sie bietet zugleich enorm sinnliche Hör-Abenteuer und zutiefst vergeistigte Musik.
 
   Ein Begriff, der auf dieses Duo absolut nicht passt, ist "Crossover". Im Booklet-Text nimmt Barry Guy selbst dazu Stellung: "Leider wird das Wort meistens auf reichlich seichte Darbietungen angewandt, die ein Genre durch ein anderes ,aufpeppen' sollen, um das erste genießbarer zu machen. Dies lehnen wir kategorisch ab." Es gehe ihnen darum, "dass unsere Interpretation die Würde des Originals respektiert und uns doch genügend Freiheit lässt, um herauszufinden, wie sich die Musik am besten zum Sprechen und Singen bringen lässt." Und genau das gelingt Homburger, Guy und Favre auf fesselnde Art.
  
   Die CD enthält zum einen Kompositionen von Barry Guy, wahlweise für Violine und Bass, Bass und Schlagzeug oder für alle drei Instrumente; zum anderen etwa Dario Castellos frühbarocke "Sonata Seconda" für Violine und Basso continuo von 1644 und Heinrich Ignaz Franz Bibers Mysteriensonate 10, die in den 1670er Jahren entstand. Das Aufregende dabei ist, dass die zum Teil extrem unterschiedlichen Stücke, die manchmal bruchlos ineinander übergehen, in ihrer Abfolge auf der CD völlig organisch wirken – als sei es ganz selbstverständlich, sie in einem Programm zu spielen.
  
   Beim Beginn mit dem Pfingsthymnus "Veni Creator Spiritus" umwirbelt und umflirrt der Bass etwa Maya Homburgers zarte Violinstimme, nimmt Töne wie einen Faden auf, um diesen dann in vielfältig schillernden Flageoletts improvisatorisch fortzuspinnen. In Castellos Sonate und bei Bibers Mysteriensonate übernimmt Barry Guy die Funktion des Basso continuo, gestaltet diesen aber durch eine hoch differenzierte Bogentechnik als ein Spiel ständig überraschender Klangfarben. Und diese kommen manchmal dem schroff-schönen Klang-Ideal von auf Alte Musik spezialisierten Ensembles verblüffend nahe. Kein Wunder, denn Barry Guy ist auch auf diesem Gebiet keinesfalls ein Außenseiter; er hat jahrelang fest in Christopher Hogwoods Academy of Ancient Music gearbeitet.
   
   Ernsthaftigkeit und höchstes Spielniveau sind zwei wichtige verbindende Elemente zwischen den drei Interpreten sowie den Stücken dieses Albums. Maya Homburger spielt ihre verschiedenen Violinen (unter anderem einer Barockgeige von Antonio dalla Costa aus Treviso von 1740) mit feinsten Klangnuancen und interpretiert die Stücke – darunter auch Bibers "Passacaglia" für Violine solo – mit großer Innigkeit des Ausdrucks; sie wählt denn auch eher langsame Tempi. Und auch Schlagzeuger Pierre Favre setzt nie auf äußerliche Effekte oder gar auf rhythmische Wucht, sondern öffnet Klang-Räume.
  
   So überzeugt hier einfach jeder Moment: Wenn auf Castellos Komposition Barry Guys durch Favres Schlagzeug erweitertes Bass-Solo "Peace Piece" folgt, wird man nicht von einer Welt in die andere geworfen, sondern spürt denselben Geist. Gerade bei Aufnahmen wie dieser wird übrigens klar, warum ein Londoner Kritiker Guys Musik "eine Naturgewalt" nannte: Sein Bass-Spiel ist hier ein Wunder an Intensität und zugleich lyrischer Zartheit. Ein größeres Spektrum an Klängen und Ausdruck lässt sich mit einem einzigen Kontrabass wohl nicht erzielen.
  
   Eine "Forschungsreise" nennt Barry Guy diese Aufnahmen auch: Eine CD, in der es für Hörer mit ganz unterschiedlichen Vorlieben enorm viel zu entdecken gibt – und die die jeweiligen Musiksprachen nicht aufweicht, sondern sie gegenseitig intensiviert. Barock und Free Jazz beleben einander hier – statt mit "Crossover"-Manier glatt- und totgebügelt zu werden. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass es zurzeit nirgendwo andere Interpreten gibt, die diese Welten auf einem so hohen Niveau aufeinander treffen lassen können.

Roland Spiegel, Leporello June 2005

This second album of music for baroque violin and double bass arises out of our ever expanding repertoire and requests from listeners for a document to remind them of the stories and colours created in our concerts, by these two extremes of the string instrument family.

The sound palette on this CD is further extended by a studio-derived playback  (in Dakryon) and the addition of percussion on selected tracks.

Our imagination was fired on hearing Pierre Favre’s multi timbral kit and the controlled sensitivity with which he explored the potential of this powerful sound generator.

This album, like its predecessor Ceremony (ECM New Series 1643) brings together baroque and contemporary music as well as improvisations in the territory that we like to call “musical stretching”, a metaphor for intelligent open minded listening. We are sometimes asked if this is “crossover” music. A term, which is often used to describe the moment when one musical genre moves into another domain. Sadly it is mostly used in the context of rather shallow displays where one genre is “spiced up” by another, to somehow make the first more acceptable. We reject this entirely since our motivations are to retain the sanctity of the music at hand, but find solutions to performing in what may be perceived as an unusual instrumental format. Thus, the use of percussion on this album is not to give the music a commercial tinge, but to use the sound world of Pierre Favre’s instruments as expressive, rhetorical statements within an appropriate context. Therefore the use of percussion is restricted to musical areas that could creatively benefit from an expanded scenario, not the other way round, “loading” each track with percussion events.

A case in point is the use of percussion in Dakryon, a composition originally penned for our two instruments and studio derived sounds. Here the percussion instruments find a ready-made home for a creative dialogue. Peace Piece, originally a bass solo, similarly benefits from the interplay of percussion and bass.

Another kind of extension resides in the track Inachis. This was the first of three solo pieces to be included on Maya’s three-album project of Bach Sonatas and Partitas. Here, on this CD (and often in our duo recitals) we have enjoyed the decision to add the double bass as an improvising entity whilst Maya takes care of the composed material. This in effect, adds a second generation of musical activity, taking Inachis to a new place, and crucially allows Maya to interpret the written solo part with a different emphasis. You can hear the original version of Inachis on MCD 0301 Bach/Guy (Maya Recordings).

The other pieces on this album, all baroque “beauties” so to speak, are chosen not only for their powerful spirituality and freedom, but also for their flexibility and adaptability. It is important for us that our interpretation retains the dignity of the original music whilst allowing us the license to best choose the most appropriate way to make the music speak and sing. 

We hope you will enjoy the fruits of our research.

Barry Guy