Freiheit und Strenge
Zweite CD der Geigerin Maya Homburger mit Solowerken von Bach und Guy Sie lebt zusammen mit ihrem Mann zurückgezogen in Oberstammheim. Doch die Schweizerin Maya Homburger ist eine der gefragtesten Barockgeigerinnen, und der Brite Barry Guy hat sich als Kontrabassist, Improvisator und Komponist einen Namen gemacht.Das Paar tritt auch gemeinsam auf, vor zwei Jahren konnte man es bei einem Duoabend in der Zürcher St.-Peter-Kirche erleben. Und bei einem gemeinsamen CD-Projekt ist vor kurzem die zweite Folge erschienen. Wie schon vor vier Jahren verbindet die Geigerin hier zwei Solowerke Johann Sebastian Bachs mit einer Komposition von Guy. Dass Bachs Partita Nr. 2 in d-Moll mit Homburgers italienischer Barockvioline aus dem Jahr 1740 und mit den stilistischen Prämissen der Künstlerin «authentisch» klingt, ist das eine. Darüber hinaus ist man als Hörer fasziniert von der Dialektik zwischen Freiheit und Strenge, die ihr Spiel prägt. Man höre sich unter diesem Aspekt die eröffnende Allemanda und die darauffolgende Corrente an. Ein anderes Gegensatzpaar der Interpretation bilden Dynamik und Statik. Die berühmte Ciaccona, eineVariationsform, scheint sich während 13Minuten um sich selbst zu drehen, und dennoch schreitet sie stets voran. Und schliesslich verfügt Homburger über die Begabung, latente oder offensichtliche polyphone Strukturen hörbar zu machen. Die Fuge aus der Sonata Nr. 2 in a-Moll ist hier das augenfälligste Beispiel. Zwischen den beiden Bach-Werken erklingt Barry Guys Solostück «Aglais», das nach einer Schmetterlingsart benannt ist. Es nimmt mit seinem Anfangs- und Schlusston deutlich Bezug auf Sonata und Partita, entwickelt aber eine ganz eigene Klangwelt, die sowohl modern wie auch uralt anmutet. Maya Homburger entfaltet auch bei diesem Stück eine Liebe zum Detail, etwa wenn sie ein Unisono in immer neuen Beleuchtungen erklingen lässt. Und gleichzeitig verliert sie das Ganze, denWechsel zwischen den ruhigen und den vorwärtstreibenden Partien, nicht aus den Augen.

Thomas Schacher, nzz 19.04.08


Strad Magazine, May 2008

This is the second issue of a three-disc project that couples a Bach solo sonata and partita with one of Barry Guy’s triptych of unaccompanied violin pieces named after butterflies. Maya Homburger demonstrates her versatility and musicianship in highly commendable performances, her Antonio dall Costa Baroque violin (1740) sounding remarkably vibrant in the resonant ambience of Böblingen’s  Stadtkirche.
Homburger gives an accurate, careful account of Bach’s Second Sonata, balancing interplay and internal voices in the fugue while skillfully preserving rhythmic fluency and continuity of line. She interprets Bach’s sometimes tortuously chromatic writing in the opening Grave somewhat flexibly, adding ornamentation as appropriate, and she is sublimely lyrical in the Andante. Her Allegro finale emphasises Bach’s rare dynamic indications with contrasting bowing styles.
Homburger’s thoughtfully inspirational playing continues in the Second Partita, her chimerical bowing producing a variety of timbres and subtle shadings. She characterises the various dance movements faithfully, although the Corrente’s long semiquaver up-beat seems out of place, and the Giga would benefit from more dynamic contrast. She is calmly efficient in the Sarabande and acknowledges the dance origins of the Ciaconna, giving a performance of brisk tempo, striking detail and musical purpose.
Homburger is equally at home in Guy’s Aglais,  an ethereal, through-composed piece of quasi-improvisational character named after the common European tortoiseshell butterfly. She exploits the work’s colourful timbres to striking effect, playing sul ponticello, sul tasto and at many other contact-points, with unisons, off-unisons and stinging dissonances worthy of nettles on which this lepidopteran feeds.  
Robin  Stowell.


Early Music Review, April 2008

This is the second of three projected discs aiming to feature not only Bach’s Six Solos for unaccompanied violin, but also as a bonus, three compositions by Barry Guy....... To play absolutely anything alongside good accounts (for so indeed they are) of Bach’s incomparable masterpieces risks the less desirable kind of comparisons. But Barry Guy succeeds, through  his sheer imagination and his very real understanding of string sonorities and listener’s most reasonable expectations. This is indeed a disc and a series, to which I , for one, shall happily return.      Stephen Daw


Early Music Today, April/May  2008

Here is another disc which should challenge the current recordings of the Bach sonatas and partitas for unaccompanied violin you have in your library. Maya  Homburger’s approach is a holistic one: in this, the second of three CDs she is recording, she includes an essay, not on the music, but on a painting by Alfred Dürer and she divides Bach’s two works with a new piece by Barry Guy, Aglais.  The performance is nigh on impeccable.
Beautifully recorded and full of space, light and colour, much like the structure of Aglais, which she plays with the same intensity and accuracy. Like the Dunedin’s
St. Matthew Pasion, here is a disc that should make you look , read and listen afresh to these wonderful works.               Jonathan Wikeley


Gramophone Magazine, May 2008

Again, a distinctive new work complements beautifully played Bach. An unusual and interesting package. As well as the old and new works for Baroque violin, there’s a reproduction of Dürer’s  Das grosse Rasenstück , together with an extended essay on the painting by Elisabeth Binder. ....   a single 14-minute movement, improvisatory in stlye yet with a strong, clear structure, sounds both familiar and unusual. Guy has tailored his invention to the Baroque violin, avoiding the things it can’t do as well as the modern instrument, but extending its 18th century range into new and distinctive areas of sonority. And it’s a magnificent performance, very well recorded.

Maya Homburger’s Bach is notable for its fine sound and beautiful , thoughtful phrasing. ... In the Partita, the dances preceding the Chaconne show a winning combination of expressive flexibility above a firm rhythmic basis and in the Andante, the third movement of the Sonata, Homburger impressively combines a heartfelt, expressive melodic line with a more restrained accompanying pulse. Taken as a whole, these performances, stressing the singing qualities of music and instrument, celebrate Bach, the great melodist, in fine style.  Duncan Druce


Schmetterlingsfreiheit
VON HANS-JÜRGEN LINKE

Von Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo gibt es nicht eben wenige Einspielungen, man bekommt bei der diskografischen Sichtung des Geländes den Eindruck, fast jeder Geiger, der auf sich hält, müsse das mal eingespielt haben, so dass für jeden Geschmack und jede Spielauffassung etwas auf dem Markt ist. Eine neue Einspielung wäre also nicht unbedingt erwähnenswert. Wenn es nicht die Schweizer Barockgeigerin Maya Homburger wäre, die auf ihrer Violine von Antonia dalla Costa aus dem Jahr 1740 Bach spielte, und wenn es im vorliegenden Fall nicht die erstaunliche Kombination der Sonata in a-Moll BWV 1003 und der Partita in D-Moll BWV 1004 mit einer aktuellen Komposition des britischen Avantgardisten Barry Guy wäre.

Als weiteres Argument für die CD ließe sich ein Essay ins Feld führen, den Elisabeth Binder eigens für das Booklet geschrieben hat. Mit Bach hat dieser Text auf den ersten allerdings Blick wenig zu tun: Er dreht sich um "Das große Rasenstück", ein kleinformatiges Aquarell von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1503.

Es ist also gut zwei Jahrhunderte älter als Bachs Musik, aber es zeigt einen frühen intensiven Blick auf die Welt aus einer bis dato unbekannten Perspektive. In der künstlerischen Haltung Dürers, in der eine rationalistische Präzision der Weltwahrnehmung nicht mit einem spirituellen Durchwehtsein und einer reflektierten Bescheidenheit kollidieren, kann man unschwer die spezifische Intensität wiedererkennen, die Maya Homburger in Bachs Musik - ja: auffindet? herstellt? oder beides?

Was hier hörbar wird, fühlt sich an wie ein protestantisch-buddistisch grundierter Pantheismus. Es gibt bei Maya Homburger keine feierliche Inszenierung, keinen Weihrauch, keine romantischen Schwelgereien und Ekstasen, kein Vibrato, kein seliges Verharren im Augenblick, kurz: kein Gran Zucker. Gleichwohl hohe Interpretationskunst im Überfluss, eine erstaunliche Virtuosität, die sich nie selbst zu ihrem Gegenstand macht, sondern der Klarheit dient, und das mit großer zurückhaltender Eleganz.

Die Musik ist also keineswegs frei von weltlichen Tugenden, nur steht die Bescheidenheit und Intensität, die Maya Homburger als Interpretatorin für Bachs Musik aufbringt, in keinem Gegensatz zu der handwerklichen Perfektion, mit der sie Flageoletts zelebriert, auf Grundtöne zurückkommt, Härtegrade im Strich differenziert, leises Ausschwingen aushört und abwartet, Tempovariationen gestaltet, Verzierungsmaterial anbringt. Es herrscht tiefer Ernst, rückhaltlose Hingebung, äußerste Aufmerksamkeit und sogar, bei hellem Licht betrachtet, eine beträchtliche Freiheit im Detail und ein stetes Voranschreiten und Weiterkommen. So zwingend und magnetisch ist Maya Homburgers Art, Bach zu spielen, dass man sich gar nicht vorstellen mag, diese Musik anders zu hören.

Und dann hört man sie ganz anders. Die selbe Musikerin, das selbe Instrument, gut drei Jahrhunderte später in der Böblinger Stadtkirche, und eine Komposition von Barry Guy für Violine solo. Das Stück heißt "Aglais" und löst sich vom barocken Linienwerk, ohne es vergessen zu machen. Es geht spieltechnisch mehrere große Schritte weiter, aber das kann man drei Jahrhunderte später schließlich auch erwarten. Klanglich und harmonisch werden viele neue Türen aufgestoßen, von überall zugleich strömt neues Licht in die musiklische Raumzeit hinein. Keinen Augenblick kokettiert Barry Guy als Komponist mit der alten Musik.

Vor allem das Klangbild ist es, das dafür sorgt, dass die Distanz zwischen Barock und Gegenwart nicht ins Ungehörige wächst: die unüberhörbare Tatsache, dass diese Musik von der gleichen Musikerin mit dem gleichen Instrument und mit der gleichen Haltung gespielt wird. Weil nach der Sonata a-Moll BWV 1003 eben nicht gleich die Partita d-Moll BWV 1003 kommt, sondern erst noch Barry Guys luftig-angespanntes "Aglais", steht seine Musik merkwürdig fremdkörperhaft und zugleich verbindend im Bach'schen Kontext wie eine Brücke.

Die CD ist der zweite Teil einer Trilogie; im ersten standen Bachs Sonate in g-Moll BWV 1001 und die Partita in b-Moll 1002 vor und hinter Guys "Inachis", der dritte Teil wird seiner Komposition "Lysandra" gewidmet sein. Es handelt sich dabei um Schmetterlinge, deren Biotop Dürers wohlgestaltetes Rasenstück sein könnte.

Hans-Jürgen Linke, Frankfurter Rundschau 16.2.08


The Butterfly's freedom
HANS-JÜRGEN LINKE   Frankfurter Rundschau 16.2.08
Translation by Isabel Seeberg and Paul Lytton:

Recordings of Johann Sebastian Bach's Sonatas and Partitas for solo violin are not exactly scarce, sifting through the discographies one gets the impression that nearly every self-respecting violin player must have recorded them, so that there is something on the market for every taste and for every musical interpretation. So therefore a new recording would not necessarily be worth mentioning. If it were not for the Swiss Baroque violinist Maya Homburger, playing Bach on her Antonia dalla Costa violin from 1740 and if it were not in this particular case for the astonishing combination of the Sonata in A Minor, BWV 1003 and the Partita in D Minor BWV 1004, together with a new composition of the British avant-gardist Barry Guy.

As a further justification for the CD one could refer to an essay written specially for the CD booklet by Elisabeth Binder. At first glance, however, this text has little to do with Bach: it deals with "The Large Piece of Turf", a small format water colour by Albrecht Durer from the year 1503.

This makes it a good two hundred years older than Bach's music, but it shows an early intense look at the world from a hitherto unknown perspective. From Durer's artistic standpoint, in which a rationalistic precision of perception of the world does not collide with an infused spirituality and reflective humility, one can easily recognize the particular intensity in Bach's music, which Maya Homburger - well: uncovers? creates? or both?

What reaches the ears has a feeling of a protestant-buddhist based pantheism. With Maya Homburger there is no grave ceremony, no frankincense, no romantic revelry and ecstasy, no vibrato, no blissful indulgence in the moment, in short: not a single grain of sugar. Instead a plenitude of the high art of interpretation, an amazing virtuosity that is never just a thing in itself, but dedicated to the cause of clarity, and all this with a great self-restrained elegance.

The music is by no means free of worldly virtues but the modesty and the intensity which Maya Homburger generates as an interpreter of Bach's music, stands in no contradiction to the technical perfection with which she revels in the harmonics, returns to the fundamentals, distinguishes between the different bow pressures, allows sounds to die away softly and pauses, creates variations in tempo, adds embellishments. There is a profound earnestness, dedication without reserve, extreme concentration and even, in the cold light of day, considerable freedom of detail and a constant progression and advancement. Maya Homburger's way of playing Bach is so stringent and magnetic that one cannot even imagine any other way of listening to this music.

And then you do hear it altogether different. The same musician, the same instrument, a good three centuries later in the Parish church of Böblingen, a Barry Guy composition for solo violin. The piece is called "Aglais" and breaks away from the baroque lines without losing sight of them. Technically it moves forwards in several big steps but, after all, this is what you can expect three centuries later. A number of new doors are thrust open regarding sounds and harmonies, new light instantly pours into the musical space from all sides. At no point does Barry Guy, as the composer, just flirt with the 'ancient' music.

More than anything else, it is the sound which makes sure that the distance between the Baroque and Present does not become untoward: the unmistakable fact that this music is played by the same musician on the same instrument, with the same approach. And exactly because the Sonata A Minor BWV 1003 is not directly followed by the Partita D Minor BWV 1003, but by Barry Guy's airily agitated "Aglais", his music stands as something alien and, at the same time, in the context of Bach, as an interlinking bridge.

The CD is the second part of a trilogy; the first part presented Bach's Sonata in G Minor BWV 1001 and the Partita in B minor 1002 before and after Guy's "Inachis", the third part will be dedicated to his composition "Lysandra". It is about butterflies whose biotope might well be Durer's well-shaped turf.

 


Inachis - Aglais - Lysandra are the compositions by Barry Guy which will exist between Bach’s Sonatas and Partitas on our three CD project. They are all named after butterflies which for me represent the ultimate  symbol for the mysteries and spirituality in nature, for colour, lightness of touch, intensity.

I am pleased to have found a writer in Elisabeth Binder who agreed to compose an essay for this CD, not necessarily based on J.S.Bach and his music but on nature, depicted by one of the world’s greatest artists  Albrecht Dürer in his painting   “Das grosse Rasenstück”.

For me, the magical world opening up by letting yourself been drawn into Dürer’s painting is very similar to the excitement and wonderment whenever one starts the day with yet another attempt at getting closer to Bach’s solo Sonatas and Partitas. In the intro to my first Bach/Guy Solo CD I wrote about “the lifelong search to transform the violin into a singing voice”. Having come as far as the second recording with the juxtaposition of Old and New, the search intensifies and the wish for accuracy is stronger than ever :  this longing to be able to work on the tiniest of details in a totally naturalistic way in the hope to transcend  into the bigger picture. This recording captures one moment in time during this never ending journey.

Maya Homburger


AGLAIS

In contrast to the first piece Inachis, Aglais  researches a lighter more ethereal, transparent musical world inhabited by discoloured unison pitches and floating harmonics, contrasting more conventional  violin techniques such as barriolage. The piece is through composed, using ideas from an earlier, purely graphically notated version to create an almost improvisational character but maintaining a degree of control, balance and perspective in respect of Bach’s masterpieces and the final set of three works.

Barry Guy


Inachis - Aglais - Lysandra  sind Barry Guys Kompositionen die auf unserem Drei-CD-Projekt zwischen Bachs Sonaten und Partiten stehen werden. Sie sind alle nach Schmetterlingen benannt, die für mich die Wunder und Spiritualität der Natur und gleichzeitig Farbe, zartes Berühren, Intensität symbolisieren.

Ich freue mich, in Elisabeth Binder eine Schriftstellerin gefunden zu haben, die für diese CD  einen Essay geschrieben hat, der sich nicht direkt auf J.S.Bach und seine Musik bezieht, sonder auf die Natur in der Kunst Albrecht Dürers, wie sie im Bild  “Das grosse Rasenstück” entgegentritt.

Für mich ist die magische Welt, die sich einem eröffnet, wenn man sich in das Bild Dürers hineinziehen lässt, der Begeisterung wie auch dem Staunen ähnlich, die einen ergreifen, wenn man den Tag mit einem neuen Versuch beginnt, sich Bachs Solo-Sonaten und Partiten zu nähern. In der Einführung zu meiner ersten Bach/Guy Solo-CD habe ich von der “lebenslangen Suche danach, die Violine in eine Singstimme zu transformieren” geredet. Nun, da ich bei der zweiten Aufnahme mit Gegenüberstellungen von Alt und Neu angelangt bin, intensiviert sich die Suche, und der Wunsch nach Genauigkeit ist grösser denn je: diese Sehnsucht danach, auch noch das kleinste Detail in einer völlig naturalistischen Weise herauszuarbeiten, in der Hoffnung, in das grössere Bild transzendieren zu können. Diese Aufnahme hält einen Moment dieser nie zu einem Ende kommenden Reise fest.

Maya Homburger


AGLAIS

Im Gegensatz zu meinem ersten Stück, “Inachis”,erkundet “Aglais” eine hellere, ätherischere transparente musikalische Welt, geprägt von leicht verfärbten Unisono-Stellen wie von schwebenden Flageoletts, die in Gegensatz zu eher konventionellen Violin-Techniken wie Barriolage treten. Das Stück ist, auf der Grundlage von Ideen einer früheren, rein graphisch notierten  Version, durchkomponiert  und will einen fast improvisierenden Charakter gewinnen, aber gleichzeitig ein gewisses Mass von Kontrolle, Balance und Perspektive in Hinsicht auf Bachs Meisterwerke sowie die letzte Zusammenstellung von drei Werken beibehalten.

Barry Guy